{"id":3906,"date":"2024-01-02T15:49:54","date_gmt":"2024-01-02T14:49:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/?p=3906"},"modified":"2024-01-04T13:14:05","modified_gmt":"2024-01-04T12:14:05","slug":"tiefer-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/2024\/01\/tiefer-fall\/","title":{"rendered":"Tiefer Fall"},"content":{"rendered":"\n<p>Die \u00f6ffentliche Meinung \u00e4ndert sich freilich schlagartig, als Johann Rosenm\u00fcller im Fr\u00fchjahr 1655 aller \u00c4mter enthoben wird und Hals \u00fcber Kopf aus Leipzig flieht. Was war geschehen?<\/p>\n\n\n\n<p>In den Archiven ist nur wenig Konkretes \u00fcber den Fall zu finden, die Quellen sind erstaunlich schweigsam. Nur allgemein werden in zwei Ratsprotokollen das <em>&#8220;von Johann Rosenm\u00fcllern bei dieser Stadt erschollene b\u00f6se Geschrei&#8221;<\/em> und der <em>&#8220;wegen einer Verbrechung fl\u00fcchtige Johann Rosenm\u00fcller&#8221;<\/em><a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a> erw\u00e4hnt. Wessen Johann Rosenm\u00fcller konkret bezichtigt wird, steht dort nicht. Eine einzige zeitgen\u00f6ssische Quelle gibt genauer Auskunft zu den Anschuldigungen<a id=\"sdfootnote2anc\" href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>. Es handelt sich bei diesem Dokument um einen Briefauszug, den ein Dresdner Kanzleikopist im Mai 1655 aus einem offenbar anonym aus Leipzig \u00fcbersandten Schreiben erstellte. Darin hei\u00dft es, dass der Musicus Rosenm\u00fcller <em>&#8220;der sodomitischen Knabensch\u00e4nderei&#8221;<\/em> mit Thomassch\u00fclern verd\u00e4chtig und wohl nach Italien geflohen sei. Unter &#8220;Sodomiterei&#8221; wurden in jener Zeit alle nicht-heterosexuellen Beziehung zusammengefasst, also z.B. Homosexualit\u00e4t, sexuelle Handlungen an Tieren und auch P\u00e4dophilie. Der Fall scheint somit klar: Johann Rosenm\u00fcller hat seine Sch\u00fcler sexuell missbraucht.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Und er ist es dennoch nicht. Denn im erw\u00e4hnten Briefauszug wird auch mitgeteilt, dass Briefe der Sch\u00fcler entdeckt wurden, in denen jene sich verabredet h\u00e4tten <em>&#8220;eben diese Sodomiterei miteinander zu begehen&#8221;<\/em>. Und mehr noch: Sechs Sch\u00fcler seien danach inhaftiert und zur Sache vernommen worden. Dies zusammengenommen mit der Tatsache, dass viele Thomassch\u00fcler im 17. Jahrhundert zwischen 17 und 20, ja einige bis zu 23 Jahren waren (und altersunabh\u00e4ngig als Knaben bezeichnet wurden<a id=\"sdfootnote3anc\" href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a>), l\u00e4sst auch die Deutung zu, dass es sich bei dem &#8220;Delikt&#8221; um homoerotische Beziehungen zwischen (jungen) M\u00e4nnern handelte, was in der Moral der Zeit aber eben als nicht weniger verwerflich galt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Akten E.E. Raths der Stadt Leipzig, Stadtarchiv Leipzig (Signatur nicht greifbar)<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote2sym\" href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Der <em>Extract<\/em> liegt dem Verfasser als Faksimile vor.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"sdfootnote3sym\" href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> Im Deutschen W\u00f6rterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm wird explizit auf die Leipziger Thomasschulordnung von 1723 verwiesen, in welcher festgelegt ist, dass \u201e<em>alle sch\u00fcler knaben genannt, schulknaben (lat. pueri), mit einschlusz der primaner, d. h. der alte ausdruck blieb in amtlicher rede l\u00e4nger bewahrt.<\/em>\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00f6ffentliche Meinung \u00e4ndert sich freilich schlagartig, als Johann Rosenm\u00fcller im Fr\u00fchjahr 1655 aller \u00c4mter enthoben wird und Hals \u00fcber Kopf aus Leipzig flieht. Was war geschehen? In den Archiven ist nur wenig Konkretes \u00fcber den Fall zu finden, die Quellen sind erstaunlich schweigsam. Nur allgemein werden in zwei Ratsprotokollen das &#8220;von Johann Rosenm\u00fcllern bei dieser Stadt erschollene b\u00f6se Geschrei&#8221; und der &#8220;wegen einer Verbrechung fl\u00fcchtige Johann Rosenm\u00fcller&#8221;1 erw\u00e4hnt. Wessen Johann Rosenm\u00fcller konkret bezichtigt wird, steht dort nicht. Eine einzige zeitgen\u00f6ssische Quelle gibt genauer Auskunft zu den Anschuldigungen2. Es handelt sich bei diesem Dokument um einen Briefauszug, den ein Dresdner Kanzleikopist im Mai 1655 aus einem offenbar anonym aus Leipzig \u00fcbersandten Schreiben erstellte. Darin hei\u00dft es, dass der Musicus Rosenm\u00fcller &#8220;der sodomitischen Knabensch\u00e4nderei&#8221; mit Thomassch\u00fclern verd\u00e4chtig und wohl nach Italien geflohen sei. Unter &#8220;Sodomiterei&#8221; wurden in jener Zeit alle nicht-heterosexuellen Beziehung zusammengefasst, also z.B. Homosexualit\u00e4t, sexuelle Handlungen an Tieren und\u2026<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/2024\/01\/tiefer-fall\/\"><span>Weiterlesen<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-3906","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-biographie"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"gb","enabled_languages":["de","gb"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"gb":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3906","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3906"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3906\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3920,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3906\/revisions\/3920"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3906"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3906"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3906"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}