{"id":3909,"date":"2024-01-02T15:48:16","date_gmt":"2024-01-02T14:48:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/?p=3909"},"modified":"2024-01-04T13:15:23","modified_gmt":"2024-01-04T12:15:23","slug":"auf-der-flucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/2024\/01\/auf-der-flucht\/","title":{"rendered":"Auf der Flucht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unabh\u00e4ngig davon, wie die Vorf\u00e4lle aus rechtlicher Sicht zu bewerten w\u00e4ren, f\u00fcr Johann Rosenm\u00fcller bedeuten sie einen tiefen Einschnitt. Er, der so lange im Rampenlicht stand, wird \u00fcber Nacht zur Unperson und f\u00fchrt fortan ein Leben im Dunkeln, abseits der gro\u00dfen B\u00fchnen. Wie undurchdringlich dieses Dunkel ist, l\u00e4sst sich daran ermessen, dass f\u00fcr die n\u00e4chsten fast drei Jahrzehnte nur eine Handvoll Hinweise auf sein Leben und Wirken existieren. Und &#8211; so scheint es &#8211; \u00fcber den einstigen Star nur mehr hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anekdotisch ist \u00fcberliefert, dass Rosenm\u00fcller zun\u00e4chst nach Hamburg flieht<a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> und dort bis zu zwei Jahre zubringt, bevor er schlie\u00dflich nach Venedig weiterzieht. Ein neuerer Brieffund legt hingegen nahe, dass der Fl\u00fcchtige bereits 1655 in Italien eintrifft und sich sofort daran macht, eine neue (musikalische) Existenz aufzubauen. Kontakte und Netzwerke aus Zeiten seines Studienaufenthaltes m\u00f6gen ihm dabei behilflich gewesen sein. Im genannten Brief, verfasst 1659 vom Leipziger Professor Leonhard Beer, ist jedoch auch zu lesen, dass Rosenm\u00fcller kontinuierlich M\u00f6glichkeiten einer R\u00fcckkehr nach Leipzig auslotet. Mutma\u00dflich in dieser Absicht schickt er \u00fcber einen Mittelsmann sogar neu komponierte Werke an die Plei\u00dfe, die dann, so berichtet Beer, im August 1659 tats\u00e4chlich zur Auff\u00fchrung gelangen sollten. Welche Werke dies waren, ob sie von studentischen Musikern oder gar unter Leitung von Thomaskantor Kn\u00fcpfer musiziert wurden, bleibt offen. Ebenso offen bleibt, ob Rosenm\u00fcller im Jahr 1660 (oder sp\u00e4ter) im Gefolge Francesco Cavallis (1602-1676) an den franz\u00f6sischen K\u00f6nigshof reist, um an den Hochzeitsfeierlichkeiten Ludwig XIV. mitzuwirken. Entsprechende \u00dcberlegungen des Geflohenen deutet Beer in seinem Brief an. Sicher hingegen ist der ungebrochene Schaffensdrang Rosenm\u00fcllers. Die weit \u00fcber 100 handschriftlich \u00fcberlieferten (meist lateinischen) Werke d\u00fcrften zum gr\u00f6\u00dften Teil ab den 1660er Jahren in Venedig entstanden sein. Und die Nachfrage nach seinen Kompositionen scheint vor allem im Ausland gro\u00df zu sein. Zeugnis daf\u00fcr sind die vielf\u00e4ltigen Verbindungen zwischen Rosenm\u00fcller und insbesondere mittel- und norddeutschen F\u00fcrstenh\u00f6fen. Gut m\u00f6glich, wie auch Peter Wollny annimmt, dass der Komponist meist im Auftrag (zahlungskr\u00e4ftiger) deutscher Potentaten t\u00e4tig war. Daf\u00fcr spricht auch, dass in italienischen Archiven bis heute nicht eine einzige Rosenm\u00fcller-Note auffindbar ist. Und ebenso d\u00fcrften die einzig bisher nachgewiesenen Anstellungen &#8211; als Posaunist an San Marco und sp\u00e4ter als maestro di coro am Ospedale della Piet\u00e0 &#8211; f\u00fcr ein ausk\u00f6mmliches Leben in der Lagunenstadt nicht ausgereicht haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst im Jahr 2019 ver\u00f6ffentlichte Forschungsergebnisse<a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a> deuten an, dass Rosenm\u00fcller die Oper nicht nur intensiv studierte, sondern selbst auch an Opernauff\u00fchrungen mitwirkte und zwar vermutlich am Teatro San Luca unweit des deutschen Handelszentrums an der Rialto-Br\u00fccke. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich auch die Kirche San Salvatore, in der der Komponist im Jahr 1672 \u2013 testatmentarisch beauftragt &#8211; einen Trauergottesdienst f\u00fcr den Uhrmacher Bortole Vite musikalisch gestaltet.<a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a> Ob Rosenm\u00fcller selbst Opern(teile) komponierte, muss mangels Belegen bis auf weiteres offen bleiben. Jedoch ist davon auszugehen, dass der Komponist, der in den 1650er Jahren als erster ein gr\u00f6\u00dferes Singspiel in Leipzig auff\u00fchrte, sich auch in diesem Genre versuchte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Musikgeschichte war Rosenm\u00fcllers Flucht nach Venedig ein Gl\u00fccksfall. Hier lebt der Komponist in einem Klima, wie es inspirierender nicht sein k\u00f6nnte. Neben den Werken Monteverdis, die er weiter flei\u00dfig studiert, besch\u00e4ftigt er sich zunehmend mit der Oper Cavallis und adaptiert deren Prinzipien f\u00fcr seine kirchenmusikalischen Werke. Viele seiner gro\u00dfdimensionierten Psalmkonzerte tragen hinsichtlich ihrer Disposition und Faktur stark musikdramatische Z\u00fcge. Doch bei aller Farbigkeit und Frische, die die Werke dieser Schaffensperiode auszeichnen, bleibt Rosenm\u00fcller stets auch der meisterhafte Satztechniker und Kontrapunktiker Sch\u00fctz&#8217;scher Pr\u00e4gung. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in den perfekt gearbeiteten, majest\u00e4tischen Schlussfugen seiner Psalmvertonungen, die sicher auch sein einstiger Mentor zu sch\u00e4tzen gewusst h\u00e4tte. Fragt man also nach dem Besonderen der venezianischen Werke Rosenm\u00fcllers, so k\u00f6nnte man formulieren, dass er in diesen einen Stil verwirklicht, der W\u00fcrde und Sinnlichkeit vereint und den Tonsch\u00f6pfungen damit gr\u00f6\u00dfte existenzielle Wucht verleiht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> s.o.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote2sym\" href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Roberts, John. Rosenm\u00fcller in Italy. Traces of a shadowy life. In: H\u00e4ndel-Jahrbuch 2019, S. 169 ff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote3sym\" href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> ASV, Archivio notarile, testamenti, b. 871 Biasio Reggia, #29 adi 4 ottobre 1672 , Testament von Bortolo(mei) Vite<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unabh\u00e4ngig davon, wie die Vorf\u00e4lle aus rechtlicher Sicht zu bewerten w\u00e4ren, f\u00fcr Johann Rosenm\u00fcller bedeuten sie einen tiefen Einschnitt. Er, der so lange im Rampenlicht stand, wird \u00fcber Nacht zur Unperson und f\u00fchrt fortan ein Leben im Dunkeln, abseits der gro\u00dfen B\u00fchnen. Wie undurchdringlich dieses Dunkel ist, l\u00e4sst sich daran ermessen, dass f\u00fcr die n\u00e4chsten fast drei Jahrzehnte nur eine Handvoll Hinweise auf sein Leben und Wirken existieren. Und &#8211; so scheint es &#8211; \u00fcber den einstigen Star nur mehr hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Anekdotisch ist \u00fcberliefert, dass Rosenm\u00fcller zun\u00e4chst nach Hamburg flieht1 und dort bis zu zwei Jahre zubringt, bevor er schlie\u00dflich nach Venedig weiterzieht. Ein neuerer Brieffund legt hingegen nahe, dass der Fl\u00fcchtige bereits 1655 in Italien eintrifft und sich sofort daran macht, eine neue (musikalische) Existenz aufzubauen. Kontakte und Netzwerke aus Zeiten seines Studienaufenthaltes m\u00f6gen ihm dabei behilflich gewesen sein. Im genannten Brief, verfasst 1659 vom\u2026<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/2024\/01\/auf-der-flucht\/\"><span>Weiterlesen<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-3909","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-biographie"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"gb","enabled_languages":["de","gb"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"gb":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3909","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3909"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3909\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3921,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3909\/revisions\/3921"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3909"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3909"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ensemble1684.de\/gb\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3909"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}